Genau hinsehen und besser vernetzen

Medizinische Kinderschutzexperten stellen sozialpolitische Forderungen zur Verbesserung des Kinderschutzes

 

Hannover (äpn) – 2192 Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre sind laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2009 in Niedersachsen Opfer von sexuellem Missbrauch oder Misshandlung geworden. Zudem gab es 5015 Opfer von Körperverletzung. Fälle von Vernachlässigung lassen sich nur annähernd mit fünf bis zehn Prozent aller bis sechs Jahre alten Kinder in Deutschland beziffern. Unglaubliche Zahlen, die aufzeigen, wie wichtig es ist, dass Ärzte und Jugendämter bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung schnell handeln. Konkrete Wege für einen besseren Kinderschutz soll die Tagung „Medizinischer Kinderschutz im Spannungsfeld der Gesellschaft“ vom 11. bis 12. Juni 2010 im Haus der Region Hannover aufzeigen. Zu dieser zweiten nationalen Jahrestagung der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Kinderschutz in der Medizin (AG - KiM) gemeinsam mit der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) werden 200 Ärzte erwartet. Bei dem Kongress sollen sozialpolitische Schwerpunkte gesetzt werden. Unter anderem fordern die Mediziner eine stärkere Berücksichtigung ihrer Kompetenz in der Kinderschutzarbeit. „Unsere fachliche Expertise kommt einerseits der täglichen medizinischen Abklärung von Verdachtsfällen zugute. Gleichzeitig würde aber auch beispielsweise die Einführung einer Meldepflicht bei Verdachtsfällen und von Pflichtobduktionen bei unklaren Todesfällen von Kindern dazu beitragen, endlich verlässlichere Zahlen über das tatsächliche Ausmaß von Gewalt an Kindern in Deutschland zu erhalten, als das zur Zeit der Fall ist“, sagt Kongresspräsident Dr. med. Thorsten Wygold, Chefarzt im hannoverschen Kinderkrankenhaus auf der Bult.

 

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Tagung ist der Umgang mit der beunruhigenden Entwicklung von Elternkompetenzen. „Häufig kommt es zu einem gewalttätigen oder vernachlässigenden Verhalten gegenüber Kindern, weil Eltern mit der Erziehung überfordert sind und es einfach nicht besser können“, meint Dr. Wygold. „Kenntnis und Erfahrung über das, was für Kinder gut ist, wird heutzutage nicht mehr von einer Generation auf die nächstfolgende weitergegeben. Mittlerweile stellen Kinderärzte in vielen Bereichen auch jenseits des Kinderschutzes erschreckende Wissenslücken junger Eltern fest. Politik und Gesellschaft müssen Antworten finden, wie man junge Menschen besser auf die kommenden Aufgaben der Kindeserziehung vorbereiten kann, möglicherweise durch Einführung eines Schulpflichtfaches ‚Kindererziehung’ oder sogar einer Art Elternführerschein.“ Sehr gute Resultate zeigen nach Ansicht des Kinderarztes und ÄKN-Vizepräsidenten Dr. med. Gisbert Voigt die sogenannten „Elterntrainings“. Diese seien von Psychologen und Psychotherapeuten entwickelt worden mit dem Ziel, die Erziehungskompetenz von Eltern zu stärken und zu verbessern. „In anderen Ländern haben ähnliche Projekte gezeigt, dass damit bis zu 80 Prozent der Eltern erreicht werden können. Wissenschaftliche Daten aus Australien und aus den USA belegen, dass Elterntrainings innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums eine deutliche Abnahme von Notaufnahmen von misshandelten Kindern und ein Absinken der Zahl getöteter Kinder in der Region bewirken. Für die Durchführung von Elterntrainings müssen Trainer qualifiziert werden. Zudem ist parallel eine Evaluation wichtig – zur Qualitätssicherung“, erläutert Dr. Voigt.

 

Auch das unterschiedliche Verständnis von Kinderrechten in den unterschiedlichen in Deutschland lebenden Kulturen ist Thema des Kongresses. Das Recht, eigene Kinder schlagen zu dürfen, ist in einzelnen Ethnien Teil eines traditionellen elterlichen Erziehungsverständnisses und steht damit im Gegensatz zum in Deutschland geltenden Züchtigungsverbot. Dadurch können Eltern oftmals gar nicht verstehen, dass ihr Erziehungsstil kein in unserer Gesellschaft akzeptiertes Verhalten darstellt und fühlen sich zu Unrecht beschuldigt oder gar diskriminiert.

 

Niedergelassene Kinderärzte und Hausärzte sind in der Regel die ersten Mediziner, die mit dem Verdacht einer Kindesmisshandlung konfrontiert werden. In dieser außergewöhnlichen Situation benötigen sie oftmals Unterstützung. Deshalb bieten die Kinderschutzexperten gemeinsam mit der ÄKN auf der Tagung ein spezielles Seminar für die niedergelassenen Ärzte an, das die sichere Erkennung von ersten Hinweisen auf erlittene Gewalt zum Thema hat und Möglichkeiten einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit den Spezialisten vorstellt. „Wir müssen in der Aus- und Weiterbildung der Ärzte sehr darauf achten, dass sie mit dieser Thematik früh vertraut gemacht werden. Das geschieht zwar, es muss aber noch intensiviert werden. Darüber hinaus müssen wir im ambulanten Bereich Möglichkeiten schaffen, Kinder mit entsprechenden Störungen und Erkrankungen interdisziplinär betreuen zu können“, sagt Dr. Voigt.

 

(Gemeinsame Presseinformation der Ärztekammer Niedersachsen und des Kinderkrankenhauses auf der Bult)

 

Kontakt:

Jörg Blume
Pressesprecher der Ärztekammer Niedersachsen
Telefon: 0511- 380 2220
E-Mail: joerg.blume@aekn.de

 

Björn-Oliver Bönsch
Öffentlichkeitsarbeit

Kinderkrankenhauses auf der Bult
Telefon: 0511 - 8115 1117
E-Mail: boensch@hka.de

 

 

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